Die KiTZ-Stiftung

im Gedenken an Kirstin Diehl

„Hallo… ich bin es!“ – Rückbesinnung auf die vergangenen Jahre

von Prof. Dr. Clemens Unger, Freiburg

25 Jahre Kirstins Weg und 15 Jahre Kirstin Diehl-Stiftung: Das ist wahrlich ein Anlass zur Rückbesinnung auf die vergangenen Jahre. In deren Mittelpunkt steht natürlich die Gründerin von Kirstins Weg – Kirstin selbst – und daher möchte ich mich zunächst ihr zuwenden. Kirstin Diehl besuchte das Rhein-Wied-Gymnasium in Neuwied, als sie in der 12. Klasse die Schule unterbrechen musste. Die Ärzte hatten eine Krebserkrankung diagnostiziert. Aufgrund der fortgeschrittenen Erkrankung wurde ihr eine Lebertransplantation angeraten. Der damals führende Transplantationsmediziner, Professor Pichlmeier von der Medizinischen Hochschule Hannover, operierte sie im Juli 1990. Durch eine Lebertransplantation, eine Entfernung des Magens, der Milz und von Lymphknoten konnte das Tumorgewebe komplett entfernt werden. Kirstin ging wieder zur Schule und konnte im Juni 1993 ihr Abitur ablegen. Sie hatte einen festen Studienplatz für Germanistik, Psychologie und Soziologie an der Universität Trier. Das heißt: Die Zukunft war geplant.

Aber das Schicksal kann erbarmungslos sein: Anfang 1994 bekam sie einen Rückfall, der Tumor hatte die Lunge und den Enddarm befallen. Zwei Monate später, im März 1994, stand ich Kirstin das erste Mal gegenüber. Sie war mit ihren Eltern in die Klinik für Tumorbiologie nach Freiburg gekommen um sich dort behandeln zu lassen. Zuvor hatte sie wohl mehrere Kliniken aufgesucht, sich dann aber für Freiburg entschieden. Ich habe das Bild noch vor mir: Kirstin saß angezogen auf dem Bett auf der Station von Bingen, ihre Eltern standen am Kopfende. Eine hübsche junge Frau, der man die Krankheit nicht ansah.

„Was wollen Sie mit mir machen?“ fragte sie mich und sah mich erwartungsvoll an. Die Frage traf mich unvorbereitet und ich merkte sehr schnell, dass mir eine sehr selbstbewusste junge Frau gegenüber saß. Ich begriff auch rasch, dass ich als ihr behandelnder Arzt alle Maßnahmen mit ihr abzustimmen hatte, sollte das notwendige Vertrauen entstehen. Den Diagnostik- und Behandlungstagen in Freiburg folgte jeweils ein längerer Aufenthalt zuhause in Neuwied. Ich erinnere mich an die vielen Telefonate, die wir meistens spät abends führten. Sie begannen regelmäßig mit einem langgezogenen „Hallo… ich bin es“. Sie berichtete selten von sich, dafür umso ausführlicher von Krebspatienten, die ihre Hilfe benötigten, sie hatte telefonischen Kontakt mit vielen an Krebs erkrankten Patienten. Oft bat sie mich, bei den Patienten persönlich anzurufen und zu fragen, ob und wie ich helfen kann. Ich hatte den Eindruck, dass sie eine regelrechte Sprechstunde für Hilfesuchende eingerichtet hatte und dabei vergaß sie ihre eigene Erkrankung.

Sie begann sehr früh, Gelder für die Krebsforschung zu sammeln und davon hat gerade die Forschung der Klinik für Tumorbiologie erheblich profitiert. Die ersten 30.000 DM wurden im März 1995 der Klinik übergeben. Aufgrund ihres selbstlosen Einsatzes für die Krebsforschung wurde sie im Dezember 1995 in der RTL Sendung „Schreinemakers Life“ zur Frau des Jahres gekürt. Kirstin war unermüdlich. Ihr Hauptinteresse galt nicht der eigenen Person sondern vielmehr anderen von Krebs Betroffenen. Ihr besonderer Einsatz für Krebskranke wurde auch von der Politik honoriert: Sie wurde im Oktober 1996 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgte sie verschiedene Forschungsvorhaben, die durch ihre Aktivität finanziell unterstützt werden konnten, insbesondere die Entwicklung neuer Krebsmedikamente faszinierte sie. So musste ich ihr regelmäßig berichten, wenn ich von Kongressen und Symposien nach Freiburg zurückkam. Als ich im Februar 1997 vom amerikanischen Krebskongress zurückkam, konnte ich ihr keine Neuigkeiten mehr mitteilen, obwohl ich das wollte. Kirstin starb während meines Rückflugs.

Kirstin Diehl hat in ihrem letzten Brief an die Eltern ein leidenschaftliches Bekenntnis zur Fortsetzung ihrer Arbeit abgelegt mit ihren Worten: „[…] Macht da weiter, wo ich aufhören musste“. Dieser Aufforderung sind viele Menschen gefolgt. In den nächsten Jahren ist durch den persönlichen Einsatz zahlreicher Menschen mit originellen Aktionen und mit originellen Ideen viel Geld gesammelt worden. Dabei waren dem Ideenreichtum der Helfer keine Grenzen gesetzt: Ob durch Straßen- oder Schützenfeste, Sportveranstaltungen, Konzerte, Basare und Ausstellungen für den guten Zweck – aber auch durch Feste und Veranstaltungen in Schulen und Kindergärten, Vereinen, Unternehmen und durch private Spender konnten bis heute deutlich mehr als sechs Millionen Euro an Spendengeld eingesammelt werden und der Krebsforschung zur Verfügung gestellt werden. Die Motoren all dieser Aktivitäten hießen Gerda und Gerd Diehl, die unglaublich emsig und intensiv den letzten Wunsch ihrer Tochter erfüllt haben. Dass sie jetzt kürzertreten wollen, sei ihnen vergönnt.

Meine Hochachtung und mein Dank gelten Gerda und Gerd Diehl.